Chinto no Kata

Die Chinto no Kata spiegelt uns sehr gut die Unwissenheit und Unsicherheiten die wir bezüglich der Karatedo- und Katageschichte haben. Die Kunst des Tode wurde vorwiegend mündlich bzw. über die Kata von einer Generation zur nächsten weitergegeben, daher besitzen wir heute nahezu keine schriftlichen Aufzeichnungen über die alten chinesischen Kampfkünste und deren Entwicklung auf Okinawa.

Wie ist bzw. könnte die Chinto ins Okinawa Karatedo gekommen sein?



Verschiedene Geschichtsforscher (1) sehen in Matsumora Kosaku (Tomari-te) den Überbringer dieser Kata. Er erlernte diese Kata während seines Aufenthaltes in China und unterrichtete sie nach seiner Rückkehr in der Tomari Gegend. Aus diesem Grund wird die Chinto auch als Kata des Tomari-te bezeichnet.

Eine Legende (2) erzählt von einem chinesischen Seemann namens Chinto der vor der Küste Okinawas Schiffbruch erlitt und Bushi Matsumura Soken (Shuri-te) in der Kunst der chinesischen Kempo bzw. in die Kata Chinto unterwies. In diesem Fall könnte es natürlich auch so gewesen sein, dass Matsumura von Chinto lediglich Kampftechniken erlernt hat und er auf Basis dieser Techniken eine Kata zusammengestellt hat, die er in Andenken an seinen Lehrer Chinto nannte.

Die dritte Möglichkeit (3) geht davon aus, dass Sokon Matsumura die Kata von Matsumora Kosaku erlernte.

Die letzte These birgt jedoch einen scheinbaren Widerspruch in sich. Kyan Chotoku erlernte die Chinto von Matsumora Kosaku. Müssten die beiden Chinto von Kyan Chotoku und Matsumura Soken nicht gleich oder ähnlich sein? Tatsächlich ist es so, dass sich die Matsumura no Chinto und die Kyatake (Kyan) no Chinto sowohl technisch als auch im Embusen wesentlich unterscheiden. Die Chinto war Kyan Chotokus Lieblingskata. Er hat ständig an der Kata gearbeitet und sie immer wieder verbessert. Dies dürfte letztendlich der Grund für die Unterschiede zwischen Kyans und Matsumoras Version sein.

Heute gibt es in den verschiedenen Schulen eine Vielzahl von Variationen. Generell kann gesagt werden, dass die Tomari no Chinto, die Matsumura no Chinto, die Itosu no Chinto und somit die Chinto-Varianten die über Itosu Anko weitergeben wurden und heute in den Shorin-Schulen trainiert werden in technischer Hinsicht große Ähnlichkeiten aufweisen.

Toyama betrachtete diese Kata nicht unbedingt als die höchste Entwicklungsstufe des Karatetrainings. Allerdings erwähnte Hanshi Ichikawa die Wichtigkeit dieser Kata aus Sicht von Toyama Kanken. Hanshi Ichikawa erlernte von Toyama Kanken sieben verschiedene Versionen dieser Kata.

Einige Schüler von Toyama Sensei bezweifeln, dass Toyama Sensei mehr, als die zwölf in seinem Buch „Karatedo Daihokan“ angeführten Kata unterrichtete. In diesem Zusammenhang und im Zusammenhang mit der Chinto Kata erscheint folgende Geschichte die mir Tsuchiya Sensei erzählt hat von Interesse:

  1. Ein okinawanischer Karateschüler besuchte mit einem Empfehlungsschreiben das Shudokan Honbu Dojo um von Toyama Sensei in der Ausführung der Passai sho unterwiesen zu werden. Tsuchiya Sensei hatte damals das Glück, dass Toyama ihn beim Training mitmachen lies. Im Anschluss an dieses Training hat Tsuchiya Sensei mit dem Besucher aus Okinawa andere Kata trainiert. Der Okinawaner schlug die Kata Chinto vor, da ihm die Chinto Kata bekannt war und er lieber eine andere Kata erlernt hätte, war Tsuchiya Sensei über die Kataauswahl nicht begeistert. Aber schon nach den ersten Bewegungen bemerkte er, dass diese Variante sehr unterschiedlich von der ihm bekannten Form war. Nach dem Training ging er zu Toyama und sagte zu ihm: „Sensei, Ihr Gast hat mir die Chinto no Kata beigebracht, aber diese ist mit Ihrer nicht zu vergleichen, sie ist komplett anders – wie kann das sein?“. Toyama zeigte ihm einige Techniken und fragte ihn, ob diese der Kata entsprechen. Nach seiner Bestätigung erklärte ihm Toyama, dass die Chinto eine sehr wichtige Kata des Karatedo wäre und dass es sich bei der erlernten Form um die Kyan no Chinto handeln würde. In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass Meister Toyama eine sehr hohe Meinung über Chotoku Kyan hatte.

Die Chinto schult in hervorragender Weise das Gleichgewicht im Tsuruashi Dachi, und dies sowohl im Stand als auch in der Bewegung. Beim Trainieren kann man sich selbst als Kranich visualisieren der in absoluter Starre und innerer Ruhe auf einem Bein steht und dann aus dieser absoluten Ruhe blitzschnell und ansatzlos mit seinem Schnabel den vorbeischwimmenden Fisch aus dem Wasser holt.

Am ersten Blick scheint die Chinto technisch sehr leicht zu meistern zu sein. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Nur durch jahrelanges Üben der Kata und intensive Beschäftigung mit den Einzeltechniken wird die Chinto ihre Geheimnisse offenbaren.

Zu den anderen Kata:

  1. Pinan I - IV

  2. Naifanchin no Kata I - III

  3. Passai dai

  4. Chibana no Kushanku

  5. Gojushiho

  6. Tenryu no kon